Dioon caputoi

Aronstab

Dioon caputoi in Darmstadt

Dioon caputoi – eine Entdeckung und eine neue Aufgabe für den Botanischen Garten
Dioon caputoi – eine Entdeckung und eine neue Aufgabe für den Botanischen Garten
Eintrag im Bestandsbuch des Botanischen Gartens ab 1906: zwei Pflanzen kamen im August 1907 nach Darmstadt, gesammelt von CARL ALBERT PURPUS (C.A.P) in der Sierra de Mixteca Darmstadt, Dezember 2009
Eintrag im Bestandsbuch des Botanischen Gartens ab 1906: zwei Pflanzen kamen im August 1907 nach Darmstadt, gesammelt von CARL ALBERT PURPUS (C.A.P) in der Sierra de Mixteca Darmstadt, Dezember 2009
Dioon caputoi neben anderen von CARL ALBERT PURPUS gesammelten „Hundertjährigen“: links: Ficus palmeri, rechts die Blätter von Calibanus hookeri, in die Bildmitte hängen Zweige von Fouquieria columnaris
Dioon caputoi neben anderen von CARL ALBERT PURPUS gesammelten „Hundertjährigen“: links: Ficus palmeri, rechts die Blätter von Calibanus hookeri, in die Bildmitte hängen Zweige von Fouquieria columnaris

Stefan Schneckenburger

Der Botanische Garten der Technischen Universität wurde 1814 gegründet, an der heutigen Lokalität befindet er sich seit 1874 und damit seit 135 Jahren (SCHNECKENBURGER 2005). Zwischen 1888 und 1925 (bzw. 1928) war JOSEPH ANTON PURPUS (1860-1932) Garteninspektor, der u. a. eine weithin berühmte Kakteen- und Sukkulentensammlung aufbaute. Ein beson-derer Schwerpunkt waren winterharte Sukkulenten. Eine wichtige Rolle beim Aufbau dieser Sammlungen kam CARL ALBERT PURPUS (1851-1941) zu, dem älteren Bruder von JOSEPH ANTON. Dieser war nach Nordamerika ausgewandert, sammelte bis etwa um die Jahrhundertwende bevorzugt in British Columbia, Oregon und Kalifornien und vor allem in den Wüstenstaaten der westlichen USA wie Arizona oder Colorado (vgl. die Monographie zu CARL ALBERT PURPUS: SCHNECKENBURGER 2001). Vor allem aus diesen Staaten stammten die oben erwähnten Kakteen, die über Darmstadt auch entsprechend vermarktet wurden. In den späten neunziger Jahren des vorletzten Jahrhunderts verlagerte sich das Sammelgebiet CARL AL-BERTs nach Süden: zunächst bearbeitete er Baja California, um sich später ganz in Mexiko niederzulassen. Ein wichtiges Sammelgebiet von PURPUS war die Sierra de Mixteca etwa 120 km südwestlich seiner neuen Heimat, der Hacienda El Mirador bei Huatusco im Staat Verac-ruz. Er verließ Mexiko nicht mehr und starb 1941 auf seiner Besitzung. Der „Mirador“ war Stütz- und Ausgangspunkt zahlreicher Forschungsreisender aus Europa und den USA.

Cycadeen – „Palmfarne“

Die Cycadales bilden eine Ordnung der Gymnospermen (Nacktsamer), zu der drei nahe miteinander verwandte Familien gehören: Cycadaceae, Stangeriaceae und Zamiaceae. Insgesamt gehören knapp 300 Arten in 11 Gattungen zu dieser Gruppe, die eine eigene Linie der Samenpflanzen bildet, die näher mit den Nadelgehölzen oder auch der Gattung Ginkgo verwandt ist, aber weder zu den Palmen noch zu den Farnen eine engere Beziehung aufweist – der irreführende Name wurde allein aufgrund der habituellen Ähnlichkeit gewählt. Den Höhepunkt ihrer Entwicklung durchliefen die Cycadeen im Erdmittelalter vor etwa 200 Mio. Jahren; mit einem gewissen Recht kann man sie als lebende Fossilien betrachten.

Die Gattung Dioon (grch. „zwei Eier“ in Bezug auf die jeweils zwei Samenanlagen pro Fruchtblatt) kommt in Mexiko und Honduras sowie im benachbarten Nicaragua (Dioon mejiae) vor und hierbei haben allein die Arten um Dioon edule eine etwas weitere Verbreitung; alle anderen besiedeln nur kleine bis kleinste Areale.

PURPUS – Pflanzen im Botanischen Garten

Zu den Pflanzen, die CARL ALBERT gesammelt hat und die heute noch in den Darmstädter Sammlungen vorhanden sind, gehören u. a. Ficus palmeri (1898), Fouquieria (Idria) columnaris (1899), Calibanus hookeri (um 1905) und Yucca linearifolia (als Y. rostrata um 1905). Immer wieder wurde ein sehr altes, in der trockenen Abteilung der Sukkulentenhäuser stehendes, mit Dioon purpusii ROSE etikettiertes Exemplar als von ihm stammend bezeichnet. Es handelt sich um ein staminates Exemplar, das extrem langsam wächst und sich in den vergangenen 15 Jahren nur wenig verändert hat. Bei einer genaueren Inspektion der Pflanze vor einigen Jahren wurde klar, dass es sich nicht um Dioon purpusii handeln konnte – die Merkmale differierten stark von denen in der moderneren Literatur angegebenen (vgl. JONES 1993, WHITELOCK 2002). Die erste Verdachtsvermutung war natürlich Dioon edule, die am häufigsten in Kultur befindliche Art der insgesamt etwa elf Dioon-Arten, die von Mexiko bis Honduras verbreitet sind (vgl. MORETTI et al. 1993). Aber schnell war klar, dass auch diese Bestimmung nicht zutreffend war. Vor allem ließen die lang ausgezogenen Spitzen der Mikrosporophylle („Staubblätter“) und die Blattzähnchen diese Diagnose nicht zu.

Dioon caputoi im Botanischen Garten der Technischen Universität Darmstadt Stamm (Höhe: ca. 43 cm) mit staminater Blüte (li), staminate Blüte (Mi.; Länge ca. 21 cm) und oberer Teil eines Wedels (re). Man beachte die lang ausgezogenen Sporophyllspitzen sowie die feinen, aber derben und sehr spit-zen Zähnchen an der distalen Seite der locker gestellten Blattfiedern
Dioon caputoi im Botanischen Garten der Technischen Universität Darmstadt Stamm (Höhe: ca. 43 cm) mit staminater Blüte (li), staminate Blüte (Mi.; Länge ca. 21 cm) und oberer Teil eines Wedels (re). Man beachte die lang ausgezogenen Sporophyllspitzen sowie die feinen, aber derben und sehr spit-zen Zähnchen an der distalen Seite der locker gestellten Blattfiedern

Dioon caputoi – eine „neue“ Rarität in Darmstadt und ihre Geschichte

Verschiedene Spuren wurden in den letzten Jahren verfolgt (wegen der Sporophyllform sogar bis hin zur australischen Macrozamia!) und ein neuer Anlauf brachte jetzt Klarheit: Es handelt sich doch um ein Dioon, allerdings um Dioon caputoi DE LUCA, SABATO & VÁZQUEZ-TORRES, das erst 1980 beschrieben worden war (DE LUCA et al. 1980). Allerdings spricht gerade diese Fehlbestimmung dafür, dass es sich tatsächlich um eine „PURPUS-Pflanze“ handeln könnte, denn die Geschichte dieses Taxons ist recht verwickelt.

Areal der Gattung Dioon (aus JONES 1993)
Areal der Gattung Dioon (aus JONES 1993)

Wie WHITELOCK 2002 ausführt, wurde Dioon purpusii von NATHANIEL ROSE 1909 beschrieben und PURPUS gewidmet. Allerdings war die Beschreibung der aus dem Tomellín-Cañon des Staates Oaxaca stammenden Pflanze recht ungenau und ohne Illustration, so dass eine genaue Zuordnung später nur eingeschränkt möglich war. PURPUS hatte das Typusmaterial der ihm gewidmeten Art gar nicht selbst gesammelt; erste Aufsammlungen waren 1901 durch GONZATTI und GONZÁLEZ und später 1906 durch MACDOUGAL und ROSE selbst erfolgt.

Herbarbelege aus dem Herbarium von NATHANIEL ROSE: Typen von D. purpusii (links) und ein von CARL ALBERT PURPUS gesammelter Beleg von D. caputoi (rechts), der bis 1980 D. purpusii zugeordnet war (aus DE LUCA et al. 1980).
Herbarbelege aus dem Herbarium von NATHANIEL ROSE: Typen von D. purpusii (links) und ein von CARL ALBERT PURPUS gesammelter Beleg von D. caputoi (rechts), der bis 1980 D. purpusii zugeordnet war (aus DE LUCA et al. 1980).
Verbreitung von Dioon caputoi in Puebla (aus CABRERA-TOLEDO et al. 2008)
Verbreitung von Dioon caputoi in Puebla (aus CABRERA-TOLEDO et al. 2008)

Aber auch PURPUS hatte 1907 und 1908 in der Sierra de Mixteca, einem seiner bevorzugten Arbeitsgebiete und gut 120 km vom Tomellín-Cañon entfernt, Pflanzen gesammelt, Samen verteilt und sogar Fotos von der Cycadee angefertigt. Diese Belege lagen auch ROSE vor, der sie der von ihm beschriebenen Art D. purpusii zuordnete. Die Photographien wurden dann auch im entsprechenden Band des „Pflanzenreichs“ (SCHUSTER 1932) sowie in „MÖLLERs Deutscher Gärtnerzeitung“ publiziert (PURPUS 1910). Sammelort war eben die Gegend um San Luis Tultitlanapa (heute San Luis Atolotitlán) im Staat Puebla. Dieses und ein Jahr später auf einer gemeinsamen Expedition mit seinem Bruder JOSEPH ANTON und dem damaligen Ordinarius des Botanischen Instituts HEINRICH SCHENCK (vgl. SCHENCK 1922) gesammelte Material ordnete der auf die Benennung der Art nach ihm durchaus stolze Forscher Dioon purpusii zu. SCHUSTER verwendete im „Pflanzenreich“ auch die von PURPUS bekannt gemachten Beschreibungen und Details, so dass sich die Vorstellungen, wie denn D. purpusii auszusehen habe, festigten.

JOSEPH ANTON PURPUS schrieb in einer Publikation zu Dioon purpusii, dass der Botanische Garten Darmstadt zwei Exemplare der Art besitze und gibt darüber hinaus genaue Kulturanweisungen „Dioon purpusii ist keine Pflanze für das schattige, feuchte Warmhaus, sondern muss mit den Sukkulenten kultiviert werden“ (PURPUS 1910).

Abbildung aus dem „Pflanzenreich“ (SCHUSTER 1932)
Abbildung aus dem „Pflanzenreich“ (SCHUSTER 1932)

In den siebziger Jahren wurde es der Gruppe um die italienischen Botaniker DE LUCA und SABATO klar, dass es sich bei den von PURPUS für „seine“ Art gehaltenen Pflanzen um eine distinkte Art handeln muss, die sie dann 1980 als Dioon caputoi (nach Professor GUISEPPE. CAPUTO, Neapel) beschrieben. Sie kommt an deutlich trockeneren Stellen als Dioon purpusii vor und auch morphologisch unterscheidet sie sich von dem genannten Taxon durch schmale, weit voneinander entfernte Fiedern, die die Pflanze fast durchsichtig erscheinen lassen. Dieses Detail ist auch auf den alten Bildern von PURPUS zu erkennen. Die Pflanzen sind für ein Dioon recht klein, wachsen langsam und besiedeln eine unwirtliche, sehr trockene Gegend. Sie leben in einem dichten Dornbusch, wo sie sehr schwer zu finden sind. Es handelt sich um die seltenste und Trockenheit resistenteste Dioon-Art: heute weiß man, dass es nur knapp 300 Exemplare sind, die genetisch sehr variabel sind und kaum natürliche Verjüngung zeigen. In der Gegend waren die vergangenen Jahre sehr niederschlagsarm und zum anderen richten die Ziegenherden auch an den pflanzlichen „Dinosaurieren“ größere Schäden an (CABRERA-TOLEDO et al. 2008). Zwar liegen die bekannten vier Standorte alle abgelegen innerhalb der Tehuacán–Cuicatlán Biosphere Reserve, sind aber augenscheinlich zu wenig vor Störungen (auch durch Sammler?) geschützt. 1910 konnte JOSEPH ANTON PURPUS noch schreiben, die Art „wuchs ziemlich häufig, meist vereinzelt an den felsigen Hängen, ganz sonnig oder in den Arroyos öfter im spärlichen Schatten leicht belaubter Bäume in der trockenen, eine xerophile Vegetation tragenden Region bei etwa 1700 bis 2200 m über dem Meere.“ Aufgrund der Höhenlage ertragen sie auch relativ niedrige Temperaturen. Nächstverwandte Arten scheinen D. holmgrenii und D. merolae zu sein (MORETTI et al. 1993).

Vieles – der Eintrag im Bestandsbuch, das aus heutiger Sicht falsche frühere Etikett sowie die Gärtnertradition – spricht also dafür, dass die Darmstädter Pflanze auf die Originalaufsammlung durch CARL ALBERT PURPUS zurückgeht. Zwar waren in den achtziger Jahren Samen (WHITELOCK 2002) und möglicherweise auch Jungpflanzen von Dioon caputoi als D. purpusii in den Handel gelangt – am Standort fehlt denn auch Pflanzen genau dieser Altersgruppe (CABRERA-TOLEDO et al. 2008).

Abbildung aus „MÖLLERS Deutsche Gärtnerzeitung von 1910
Abbildung aus „MÖLLERS Deutsche Gärtnerzeitung von 1910

Allerdings ist es kaum denkbar, dass unsere Pflanze damals erworben wurde, denn sie ist in Anbetracht ihrer Größe deutlich älter als 30 Jahre, nicht zuletzt auch angesichts ihrer langsamen Entwicklung während der letzten 15 Jahre. So können wir fast sicher sein, dass es sich um ein nun 100-jähriges Exemplar handelt. Wie dem auch sei: wir werden uns nach Kräften bemühen, diese Rarität zu erhalten – eine der vielfältigen Aufgaben, die unser Garten im Ar-tenschutz wahrnimmt.

Zukunftsperspektiven

Da es sich bei unserem Exemplar um ein „männliches“, nur Pollen produzierendes Exemplar handelt, wollen wir beim nächsten Blühereignis Blütenstaub sammeln, eingefrieren und für mögliche Bestäubungen andernorts vorhalten. Zwischenzeitlich wollen wir versuchen, weitere Exemplare der Art in Kultur ausfindig zu machen. Neulich ist die genetische Variabilität der Art intensiv studiert worden (CABRERA-TOLDEO et al. 2008). Wir werden mit den Autoren dieser Studie Kontakt aufnehmen – vielleicht lässt sich danach unser Exemplar sogar einer der bekannten Populationen zuordnen. Auf jeden Fall darf man auf die entsprechenden Ergebnisse gespannt sein und hoffen, dass sie der Erhaltung der Art in Situ und ex Situ dienen.

Literatur:

CABRERA-TOLEDO, D., GONZÁLEZ-ASTORGA, J., VOVIDES, A.P. (2008): Heterozygote excess in ancient populations of the critically endangered Dioon caputoi (Zamiaceae – Cycadales) from central Mexico.- Bot. J. Linn. Soc. 436-447.

DE LUCA, P., SABATO, S., VÁZQUEZ-TORRES, M. (1980): Dioon caputoi (Zamiaceae), a new species from Mexico.- Brittonia 32: 43-46.

JONES, D.L. (1993): Cycads of the World.- Chatswood, NSW.

SCHUSTER, J. (1932): Cycadaceae.- in: Engler, A. (Hrsg): Das Pflanzenreich IV.1 (Heft 99).-Leipzig.

MORETTI, A., CAPUTO, P., COZZOLINO, S., DE LUCA, P., GAUDINO, L., SINSALACO GIGLIANO, G., STEVENSON, D.W.(1993): A phylogenetic analysis of Dioon (Zamiaceae).- Amer. J. Bot. 80: 204-214.

PURPUS, J.A. (1910): Dioon Purpusi ROSE.- MÖLLERs Deutsche Gärtnerzeitung 25: 163-164.

SCHNECKENBURGER, S. (2001): CARL ALBERT PURPUS (1851-1941) – ein deutscher Pflanzensammler in Amerika.- Darmstadt.

SCHENCK, H. (1922): Vegetationsbilder aus der Sierra de Mixteca, Mexiko.- In: KARSTEN, G., SCHENCK. H. (Hrsg.): Vegetationsbilder. 14. Reihe, Heft 5/6, Tafel 25-36.- Jena.

SCHNECKENBURGER, S. (2005): Von Gärten, Menschen und Pflanzen – Aus der Geschichte des Botanischen Gartens und seiner Sammlungen.- in LÜTTGE, U., FISCHER-SCHLIEBS, E., SCHNECKENBURGER, S. (Hrsg.): Geschichte der Botanik in Darmstadt: 1814-1970.- TUD Schriftenreihe Wissenschaft und Technik, Bd. 90: 47-86.- Darmstadt

ROSE, J. N. (1909): A new species of Dioon: Dioon purpusii.- Contr. U. S. Natl. Herb. 12: 260-261.

WHITELOCK, L. M. (2002): The cycads.- Portland, Oregon.

Autor:

PD Dr. Stefan Schneckenburger

Botanischer Garten der Technischen Universität Darmstadt

Schnittspahnstr. 3-5; 64287 Darmstadt; schneckenburger@bio.tu-darmstadt.de

HEINRICH SCHENCK (li.) und CARL ALBERT PURPUS (Mitte) 1908 bei Esperanza (Puebla) unter einer Gruppe uralter Yucca periculosa
HEINRICH SCHENCK (li.) und CARL ALBERT PURPUS (Mitte) 1908 bei Esperanza (Puebla) unter einer Gruppe uralter Yucca periculosa