Weihnachtsstern

Botanischer Garten

Der Weihnachtsstern – Ein botanisches Zwiegespräch

Ein Interview im Gartencenter

von Stefan Schneckenburger

NN: Sie stehen hier zwischen vielen Geschwistern – einige sind eher blass, andere rot wie Sie oder zweifarbig. Ihr Name ist Weihnachtsstern – jedenfalls steht es so auf dem Verkaufsetikett.

Weihnachsstern

Euphorbia: Ja; so ist es leider! Eigentlich heiße ich Euphorbia pulcherrima, bin also eine Wolfsmilch und trage bei den Botanikern einen vornehmeren Namen: Euphorbus war nämlich Leibarzt eines mauretanischen Königs in der Antike. Ältere kennen mich vielleicht noch nur unter dem Namen Poinsettia. Joel R. Poinsette (1775-1851), ein US-amerikanischer Generalkonsul und Pflanzensammler in meiner mexikanischen Heimat, war von mir so begeistert, dass er mich nach South Carolina mitgenommen hat. Und seit den fünfziger Jahren haben mich die Züchter und Gärtner zimmertauglich und weihnachtsfähig gemacht. Und (errötend – wenn das noch geht) – pulcherrima bedeutet „die Allerschönste“. Und entschuldigen Sie bitte: alles in allem hat das mit Weihnachten erst mal gar nichts zu tun und – das ist der Vorteil der wissenschaftlichen Namen – wird weltweit verstanden.

NN: Das müssen Sie erklären!

Euphorbia: Na ja, ich bin erst mal viel älter als Weihnachten – die phylogenetische Linie meiner Familie separierte sich schon vor knapp 100 Millionen Jahren aus dem Stammbaum und ging eigene Wege. Zum anderen stamme ich aus Mexiko, Zentralamerika und der Karibik: in beiden Fällen ist das christliche Weihnachten doch sehr weg – zeitlich und räumlich.

NN: Das sind ja wirklich weite Wege! Und wie sind Sie hergekommen?

Euphorbia: Herkommen geht ja leicht – das haben Sie, wie gesagt – Joel Poinsette zu verdanken. Meinen wissenschaftlichen Namen Euphorbia pulcherrima habe ich dann 1834 in Berlin bekommen und irgendwann haben sich Gärtner und Züchter meiner angenommen. Der erste verkaufssfördernde Name war dann Poinsettia – vom dem war gerade ein sehr erfolgreiches Reisebuch erschienen – und später wurde ich zum Advents- oder Weihnachtsstern und zu einer der Hauptkulturen im Pflanzenbau.

NN: Aber nun mal ernsthaft: Sie blühen doch genau zu Weihnachten – also sollten Sie schon mit dem Namen leben können!

Euphorbia (lächelt etwas gequält). Zum einen sehen Sie bei mir keine echten Blüten: die sind eigentlich sehr klein und unansehnlich (sie errötet noch etwas mehr, was sie sehr ziert!) – bieten aber reichlich Nektar! Eigentlich sind es nur Hochblätter, wegen derer mich die Leute kaufen. Und das Schlimmste ist eigentlich: ich blühe gar nicht an Weihnachten, zur Zeit der kurzen Tage. Wenn die Menschen mich ließen, wie ich will, würde ich im Frühjahr – etwa drei Monate nach Weihnachten blühen. Ich bin eine Kurztagspflanze, das heißt, ich lege meine Blüten in der Zeit der kurzen Tage an und drei Monate später entfalte ich sie und dazu gehören natürlich die Hochblätter.

NN: (staunt!)

Euphorbia: Bitte sagen Sie es nicht weiter: aber meine bleichen Geschwister tun mir Leid: Da hat man die Farbstoffproduktion in den Hochblättern genetisch blockiert – und nun sind sie halt weiß. Nur gut, dass sie nicht mehr in Mexiko wachsen – dort würde kein Blütenbestäuber mehr auf sie aufmerksam werden.

NN: Aber wie…?

Euphorbia (unterbricht eilig): Na ja, das ist Gärtnerkunst: Wir stehen zu Hundertausenden in großen Gewächshäusern zusammen. Und da geht halt im September das Licht aus. (Grinst). Nee, natürlich nicht ganz! Das würden wir ja nicht vertragen, sondern wir bekommen ab September einen kürzeren Tag mit etwa acht Beleuchtungsstunden verordnet, indem die Gewächshäuser schattiert und verdunkelt werden. Und so blühen wir – je nachdem, wann die Gärtner mit dem Verdunkeln beginnen, zum Advent oder erst zu Weihnachten. Ansonsten, aber das sagte ich Ihnen schon, wären wir natürlicherweise eher Frühjahrssterne. Dazu kommt, dass wir normalerweise Sträucher sind und in unserer Heimat oder dort, wohin man uns gebracht hat – wir kommen heute in vielen wärmeren Gebieten vor – bis zu 4 m hoch werden. Durch Züchtung und Behandlung mit wachstumshemmenden Stoffen bleiben wir eben klein und passen auf Fensterbänke und Esszimmertische.

NN: Und wie geht es mit Ihnen dann nach Weihnachten weiter?

Euphorbia (wird sehr blass): Wenn ich das wüsste. Es gehen Gerüchte um, dass wir weggeworfen werden (sie dreht sich zur Seite). Allerdings – mit dem, was die Gärtner uns in den Topf um die Wurzeln packen, kommen wir nicht sehr weit – das müssten die Pflanzenliebhaber zu Hause verbessern. Nicht zu nass und keine kalten Füße – das ist das, was wir brauchen. Und dann würden wir halt im übernächsten Frühjahr wieder blühen. Aber in der Zwischenzeit wachsen wir ordentlich und passen eigentlich nicht mehr so recht auf die Fensterbank – die Stauchungsmittel sind eben den Profis vorbehalten.

Schneerose
Schneerose (Helleborus niger) im April in den Karnischen Alpen (Foto: Schneckenburger)

NN: Haben Sie Bekannte, denen es ähnlich geht?

Euphorbia: Da gibt es noch einige. Mir fällt die Christrose ein. Die heißt schon seit dem späten Mittelalter so, hat aber deutlich mehr als 30 andere Volksnamen wie Schneerose, Schneekatzerl, Alpenröserl, Nieswurz, Sitterwurz, Siechwurz, Feuerkraut, Schelmwurz, Lauswurz, Frauenwurz, Starkwurz oder Krätzenblume. Der beste Name wäre eigentlich Schneewurz, denn sie blüht im zeitigsten Frühjahr – gerade, wenn nach der Schneeschmelze die ersten Flächen wieder frei sind. Aber Sie wissen ja – der Klimawandel … Und auf schneefreien Flächen blüht sie denn auch tatsächlich schon im November wie in diesem Jahr oder zum Jahreswechsel. Aber eine Rose ist sie schon gar nicht – die Staude ist ein Hahnenfußgewächs und hat mit Rosen gar nichts zu tun. Und erst der wissenschaftliche Name, der ist alles andere als weihnachtlich. Sie heißt nämlich Helleborus niger: etwas, das beim Fressen tötet und einen schwarzgefärbten Wurzelstock hat …